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Ein Segelsommer am Bodensee

Sommer 1999

Von Mitte Juni bis Anfang September traf man sie auch 1999 wieder auf dem Obersee: die Segelboote der Schiffer-Gilde mit dem Zeichen des doppelten Steuermanns auf dem weißen Segel. Der doppelte Steuermann weist auf das Ziel hin, das sich diese Selbsthilfevereinigung gesetzt hat: die Zusammenarbeit behinderter und nichtbehinderter Menschen zur gemeinsamen Freude am Segelsport. Körperlich und geistig behinderte Menschen aller Art - auch sozial benachteiligte - werden eingeladen, sich aus ihren Lebensbereichen, die häufig an Ghettos erinnern, herauszuwagen und miteinander zweiwöchige Segelfreizeiten am Bodensee zu erleben.

Das ist bei den vielen Vorurteilen, die Nichtbehinderte und die verschiedenartig Behinderten voreinander haben, keine einfache Aufgabe, aber eine lohnende. Ist erst einmal das Eis gebrochen, stellt man erstaunt fest, wie gut sich Blinde, Sehbehinderte, Amputierte, Sprach- und Hörbehinderte und Nichtbehinderte verstehen und ergänzen können. Denn die Begabung, das Spiel mit dem Boot, dem Wind und dem Wasser zu lernen und Freude daran zu haben, hängt nicht von Behindert- oder Nichtbehindertsein ab. Das gemeinsame Segeln trägt erlebnispädagogische Züge, hat für den einen und anderen auch therapeutische Effekte und vermittelt eine richtige seemännische Segelausbildung, auch wenn keine qualifizierenden Abschlüsse erworben werden können.

Auf all das legt die Schiffer-Gilde großen Wert, aber es tritt in den Hintergrund vor dem einfachen Motto der handfesten, gelebten Mitmenschlichkeit, dem selbstverständlichen Miteinander über die Barrieren in den Köpfen und Herzen hinweg. Wie fröhlich das abgeht und wie viel Spaß das machen kann, muß man selber erlebt haben. Da kommen Behinderte und Nichtbehinderte aus dem ganzen Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland zusammen und erleben, daß diese ganz andere Art, Urlaub zu machen, enorm entspannend und erholsam sein kann.

Die kleine Flotte besteht zum einen aus zwei größeren Sicherungs-Schiffen, dem Zweimast-Segelkutter Courage und einer WIBO-Segelyacht, zum anderen aus vier Zwei- und Dreimann-Jollen. Am häufigsten sieht man sie in den Häfen zwischen Lindau und Fußach und natürlich im Yacht- und Sporthafen Bregenz, dem Veranstaltungsort der Freizeiten. Hier finden die jeweils 25 Freizeitteilnehmer ihre Unterkunft in den Gebäuden des Lammes, eines ur-Bregenzer Gasthofes, dessen drei Wirtsgenerationen seit Jahren herzlich und verständnisvoll mit der Schiffer-Gilde verbunden sind.

Und wie sieht so eine Freizeit aus?

Zum Beispiel so: Am vorletzten Tag der Freizeit sind alle etwas müder als sonst, weil es am vergangenen Abend einen Nacht-Törn nach Lindau gab, von dem die Crew erst um Mitternacht zurückkam. Dieses beeindruckende Erlebnis beherrscht noch die Gespräche beim Frühstück. Heute strahlt die Sonne den ganzen Tag vom herrlich blauen Julihimmel, aber es wird leider nur ein Dümpel-Tag mit ständig drehenden Leichtwinden. Der Kutter und die WIBO müssen viel unter Motor fahren. Man vertreibt sich die Zeit mit Knoten üben, Singen, Schwätzen, Kaffeetrinken und natürlich mit Badepausen. Die Jollen versuchen so gut es geht, die Winde einzufangen.

Auf einer der beiden Zweimann-Laser-Jollen entschließt man sich zu einer besonderen Übung: Ideales Wetter für eine Kenterübung, meint Fritz, der Bootsführer, dem man auf dem Schiff seine spastische Behinderung kaum anmerkt. Sein sehbehinderter Begleiter hat ein etwas mulmiges Gefühl, weil er das zum ersten Mal macht, ist aber gleich einverstanden. Die beiden besprechen, worauf es ankommt: sich freischwimmen, die Mastspitze halten, damit die Jolle nicht durchkentert, das Aufricht-Manöver. Und dann geht´s los.

Und weil´s so schön ist, wird das Durchkentern auch gleich geübt. Und wie es ist, wenn man unter dem Segel gefangen liegt, wie es im Luftraum unter der durchgekenterten Jolle ist, und wie man seitlich und hinten wieder in die Jolle einsteigt, ohne gleich wieder zu kentern. Das war die ideale Übung für meine Spastik, meint Fritz, das gibt mir gleich wieder mehr Sicherheit für meinen Ostsee-Törn, den ich nächste Woche vor mir habe. Sein sehbehinderter Schützling ist zufrieden, weil alles nur halb so wild war, aber er hat Respekt: Bei starkem Wind ist das alles sicher ziemlich knifflig!

Abends wird gemeinsam im Garten gegrillt. Nach dem Essen bilden sich lebhafte, meist fröhliche Gruppen. Da wird geschwätzt, man tauscht recht lebensnah seine Erfahrungen aus, die Bootsführer fachsimpeln über Theorie und Praxis und geben sich Tips für anstehende Prüfungen. Der harte Kern feiert mit Herbert, einem fast blinden jungen Telefonisten aus Niederbayern, der auf dieser Freizeit seine ersten Segelerfahrungen sammelt,in seinen Geburtstag hinein.

Am nächsten Tag ist der Himmel bedeckt, es sieht nach Regen aus. Aber der Wind bläst mit Stärke drei bis vier aus Nordwesten. Das gibt nochmal einen richtig tollen Segeltag, freuen sich die Teilnehmer und packen gerne ihr Regenzeug ein. Heute steht nochmals Lindau auf dem Programm. Beim Mittagessen freut sich jeder über den guten Wind. Nur Ulrike schimpft. Die geburtsblinde junge Frau saß lange Zeit im Kutter an der Pinne und versuchte, nach dem Audiokompaß zu steuern. Der Audiokompaß wurde speziell für blinde Segler entwickelt. Der Kurs wird eingestellt, und wenn der Steuermann zu weit steuerbord vom Kurs abkommt, piepst es hochfrequent, bei Backbord-Abweichungen niederfrequent. Bei dem Wellengang kannst du den Audiokompaß glatt vergessen, ärgert sich Ulrike, der hat genau anders gepiepst als es mir Otto - der Bootsführer des Kutters - gesagt hat. Das Gepiepse hat mich fast verrückt gemacht, ich mußte die Kiste abstellen. Am Tisch wird heftig diskutiert. Bei dem gegenwärtigen Wellengang ist der Kurs nicht so genau einzuhalten, wie der Audiokompaß das verlangt. Er reagiert bereits auf eine Kursabweichung von einem Grad. Das ist viel zu knapp, den müsste man auf fünf Grad einstellen! So ist man immer bemüht, Hilfsmittel zu testen und zu verbessern.

Gegen Ende der Rückfahrt wird es nochmals richtig spannend. Mittlerweile wird Sturmwarnung gegeben, und auch wenn mancher den herrlichen Wind noch gerne ausnützen würde, hilft alles nichts. Sicherheit ist für uns immer oberstes Gebot, meint Otto Schultheis, Bootsführer auf dem Kutter und Kursleiter. Als erstes Boot, weit vorab, kommt die Laser-Jolle mit dem Geburtstagskind Herbert an der Slip-Anlage an. Helga, die Bootsführerin, will noch einmal einen Schlag auf den See machen, bis die anderen Schiffe auch da sind. Ein Motorboot mit vielen lachenden Kindern ist neben ihr, und Helga wagt kurzentschlossen trotz des starken Windes eine Halse - und kentert. Die Besatzung des Kutters kriegt das gleich spitz. Jetzt hat Herbert seine Geburtstagstaufe, lacht es auf dem Kutter. Otto Schultheis meint: Die kriegen das auch alleine hin, aber wir machen gleich eine Notfallübung draus. Wir dirken die Segel auf und motoren hin. Rasch sind die Segel auf die Gaffeln hochgezogen und aus dem Wind genommen und der Motor angeworfen. Helga hat unterdessen die Jolle aufgerichtet, aber Herbert hängt am Heck und hält nicht richtig gegen, sodaß der Wind die Jolle gleich wieder kentern lässt. Also neuer Versuch. Aber nun ist das Motorboot mit den Kindern, die aus vollem Hals lachen, im Weg. Helga traut sich nicht, den Laser wieder aufzurichten. Wenn ich wieder gekentert wäre, hätten die den Mast voll drauf gekriegt, erzählt sie später, die musste ich richtig wegscheuchen. Als der Motorbootführer schließlich den Ernst der Lage erkennt und abdreht, ist der Kutter auch schon da. Alfred springt ins Wasser, hilft Helga beim Aufrichten der Jolle und zeigt Herbert, was er hätte machen müssen. Herbert geht bim Kutter an Bord und Alfred sammelt noch das Paddel und Helgas Seesack ein, die aus der Jolle gefallen sind. Zu dumm von mir, meint Helga später, gerade heute habe ich den Seesack nicht angebunden, und da muß ich kentern! Wer war schuld wird sie gefragt. Sie lächelt schelmisch: Natürlich nur der Wind. Herbert lacht. Im Wasser war es wärmer als draußen im Wind, mein unfreiwilliges Bad war ganz angenehm. Nächstes Jahr komme ich wieder!

(Namen der Kursteilnehmer geändert)

Helmuth Scheel


Letzte Änderung: 10. Dezember 2017
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