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Jahresbericht 1999

Wangen, Oktober 1999

Liebe Vereins-Freunde,
liebe und sehr geehrte Freunde
und Förderer der Schiffer-Gilde,

zum Jahresrückblick 1999 grüße ich Euch ganz herzlich mit dem nebenstehenden Bild (nur in der gedruckten Fassung) der gelben Jolle "Oliver". Hoch oben trägt das Segel unser Vereins-Zeichen: den doppelten, "integrierten" Steuermann. Nichtbehinderte und Behinderte gehören zusammen, das ist unser Vereins-Slogan. Wer als Nichtbehinderter Behinderten aus dem Weg geht, geht seinen eigenen Schwächen aus dem Weg, und wer als Behinderter den Kontakt mit Nichtbehinderten scheut, scheut sich, die ihm verbliebene Normalität zur Geltung zu bringen. Auch dieses Jahr haben wir uns bemüht, Nichtbehinderten Verständnis für die Schwächen ihrer Mitmenschen nahezubringen und Behinderten ihre Stärken zu zeigen, und wir sind dankbar für die vielen zustimmenden Rückmeldungen.

Bericht aus Bregenz

Otto Schultheis grüßt alle ganz herzlich und möchte vorab den vielen Bootsführern Danke sagen, die dieses Jahr wieder mit viel Elan und Freude ihre Aufgaben verrichteten und einen ganz wesentlichen Beitrag zum Gelingen unserer Freizeiten leisteten!

Auch die durchweg guten Windverhältnisse trugen heuer zu einer sehr gut gelungenen Segel-Saison bei. Es wurde so viel gesegelt, daß das Thermalbad in St. Margarethen kein einziges Mal besucht wurde, was schon lange nicht mehr vorkam!

Freilich begann die Saison ganz anders - mit dem Paukenschlag des Jahrhunderthochwassers. Eine Gruppe aus der Weissenau, die sich vor Pfingsten den Kutter gemietet hatte, kam genau in die Tage der ärgsten Regenfälle und der rasant beginnenden Überflutungen. Sie erlebten in Langenargen und Zech äußerst chaotische Anlege-Verhältnisse und wurden von oben und unten eingeweicht. Sie hielten durch, inprovisierten, freuten sich über die spontanen Hilfeleistungen und hatten zum Schluß ein anstrengendes, aber unvergeßliches Abenteuer erlebt. In der Woche nach Pfingsten kam dann wieder eine kleine Gruppe der Rummelsburger Anstalten, die nur wenig zum Segeln kamen und sich den Zugang zum Hafen erkämpfen mußten. Die Hafenstraße stand etwa 100 m weit unter Wasser, die Anlegestege drohten wegzuschwimmen, Dämme und Stege wurden gebaut und überall waren Abpumpschläuche verlegt. Am Abend vor Fronleichnam kam noch ein schwerer Sturm hinzu und wir sind sehr froh, daß unseren Schiffen nichts passierte. Auch "unsere" Hartmann-Wert stand kniehoch unter Wasser.

Trotz dieser Zustände kam zur ersten Freizeit, wie schon tradionell, eine neunköpfige Gruppe der August-Wilhelm-Mende-Schule aus Bebra. Sie konnten ein paar mal segeln, allerdings nur nach Lindau und Zech, und nutzten das schöne Wetter zu Ausflügen, z.B. an den Rheinfall bei Schaffhausen, der dieses Jahr besonders beeindruckend war.

Was für diese Kleingruppe aus Bebra möglich war, war für die voll belegte 2. Freizeit nicht möglich: Mit Blinden und Rollstuhlfahrern hätten wir die provisorischen Stege zum Hafen nicht bewältigen können, wir hätten an keinem Hafen am Obersee mit mehreren Schiffen gleichzeitig anlegen können. Ausflüge als Ersatz-Programm wurden durch zahlreiche Muhrenabgänge und Straßensperrungen unmöglich gemacht. So schwer uns die Entscheidung fiel, wir mußten um Verständnis bitten und die Freizeit absagen.

Der regelrechte Freizeit-Betrieb begann also erst am 10. Juni mit der 3.Freizeit. 20 Teilnehmer, darunter 10 Sehbehinderte und Blinde, nahmen daran teil und 5 Bootsführer. Es war ein gelungener Kurs, der viel Spaß und Erholung brachte. Der Wind war gut, und von der traumhaften Nachtfahrt von Lindau nach Bregenz schwärmt Otto heute noch. Es gab viele gemütliche und interessante Abendrunden, und die Generalprobe der Seefestspiele ("Ein Maskenball") konnte besucht werden. Eineinhalb Tage lang hatten wir das ZDF-Team der Sendereihe "Mach mit - Aktion Sorgenkind" zu Gast, das ich schriftlich auf die Schiffer-Gilde aufmerksam gemacht hatte. Es nahm im Bregenzer Hafen die Rahmen-Moderation für eine August-Sendung auf und drehte über uns eine Kurzvorstellung, sozusagen einen Werbe-Spot, der uns sehr sympathisch darstellt und Lust macht, mehr über uns zu erfahren. Es war eine schöne Bestätigung unserer Arbeit, daß ein Fernseh-Team, das viel Erfahrung mit Behdinderten-Arbeit hat, von unserer Art und Weise sehr angesprochen wurde. Mein Kompliment an Otto! Die Dreharbeiten brachten natürlich den gewohnten Rhythmus der Freizeit durcheinander und waren für manche auch lästig. Wir möchten uns bei allen Freizeitteilnehmern bedanken: Eure Mithilfe und Rücksichtnahme kommt einer nicht geringen geldwerten Spende an unseren Werbe-Etat gleich!

Die 4. Freizeit war mit 22 Teilnehmern und 5 (wechselnden) Bootsführern belegt. Unter den Teilnehmern waren 6 Blinde/Sehbehinderte, 1 Rollstuhlfahrer und eine Gruppe von 8 geistig Behinderten der Bebraner Werkstätten. Deren Leiterin war bereits zum 2. Mal da - und nicht zum letzten Mal, wie sie nach Kursende hoffte. Auch in dieser Freizeit war meist guter Wind zum Segeln. Antje organiserte eine Spaß-Regatta, die diesem Namen alle Ehre machte.

Die 5. Freizeit belegten wieder 21 Teilnehmer und 5 (wechselnde) Bootsführer. Von den Teilnehmern waren 7 blind/sehbehindert und 2 Rollstuhlfahrer. Wie schon in den letzten Jahren nahm wieder eine fünfköpfige Gruppe der Kinder-und-Jugend-Psychiatrie Weissenau teil. Deren Betreuer haben mittlerweile so gute Segelerfahrungen gemacht, daß sie für 2 unserer Bootsführer, die wegen Krankheit absagen mußten, aushelfen konnten. Die Nachtfahrt dieser Feizeit wurde durch einen Sturm unterbrochen. Die Mannschaften mußten die Schiffe in Lindau liegen lassen, mit dem Zug nach Bregenz fahren und die Schiffe am nächsten Morgen holen. Es gibt Schlimmeres! Auch diese Freizeit war eine runde Sache.

Die 6. Freizeit war auch heuer wieder klein und familiär: 8 Teilnehmer, darunter 5 Sehbehinderte/Blinde und 1 Rollstuhlfahrer, waren angemeldet und 1 Bootsführer. Leider regnete es viel. Der Wind war aber meist gut, so daß das Segeln viel Spaß machte. Für den Kutter wurde aus Pavillonzelt-Seitenteilen eine Segel-Persenning konstruiert, die unter der Besegelung aufgspannt werden konnte und die Insassen - leider nicht den Rudergänger - gegen den Regen abschirmte. So konnte die ganze Mannschaft auf dem Kutter einen Dreitages-Törn über Langenargen nach Unteruhldingen machen. Abends fuhr man mit dem Zug nach Bregenz und morgens wieder zum Hafenort, was keine größeren Umstände machte. So lernte man neue Häfen kennen und kam ein wenig in den Genuß des Fahrtensegelns.

Der bekannte Trend, daß unsere Freizeiten am beliebtesten bei Blinden und Sehbehinderten sind und wir uns mehr nichtbehinderte Teilnehmer wünschen, hält also an. Erfreulicherweise gab es auch dieses Jahr keine nennenswerten Unglücks- oder Schadensereignisse. Es ergibt sich damit folgende Statistik für 1999:

                                                      Vor- ges.
                                                 ges. Jahr seit
Freizeit              I   II  III   IV    V   VI 1999 1998 1981
---------------------------------------------------------------
Blinde u. Sehbeh.     -    -   10    6    7    5   28   32  761
andere Körperbeh.     -    -    2    1    2    1    6    5  367
psych. Behinderte     6    -    1    8    5    -   20   13  288
Nichtbehinderte       -    -    7    7    7    2   23   30  534
Betreuer/Bootsf.      3    -    5    5    4    1   18   31  597
---------------------------------------------------------------
gesamt                9    -   25   27   25    9   95  111 2547

Mittelmeer-Törns

Der erste Mittelmeer-Törn führte die fünfköpfige Mannschaft von Bormes les Mimosas (Toulon) über Marseille durch den Golf von Lyon nach Spanien bis kurz vor Barcelona. Das Wetter war etwas untypsich, eher wie man sich "Ostsee-Sommer-Schmuddel" vorstellt. Sogar ein nervenkitzelnder Nebel-Tag stand auf dem Programm. Die Landgänge in Marseilles und Barcelona waren Höhepunkte und man lobte die guten und preiswerten Verhältnisse in Spanien. Den zweiten Törn, ebenfalls eine zweiwöchige Rund-Tour von Bormes aus, führte an der französischen Riviera entlang Richtung Italien. Die fünfköpfige Mannschaft genoß frühsommerliches Segelwetter, ein Höhepunkt war das Miterleben einer Regatta in Antibes und das dortige Picasso-Museum.

Masuren-Fahrt

Nach einer Pause von drei Jahren fuhren wieder vier Vereinsmitglieder, 3 Sehbehinderte und 1 Rollstuhlfahrer, an die Masurischen Seen. Unsere polnischen Freunde empfingen uns herzlich im Behinderten-Segel-Verein in Posen, wo wir auf der Hin- und Rückfahrt übernachteten. In Ryn trafen wir uns mit den polnischen Mitseglern und verteilten uns auf die beiden Schiffe. Unsere ortskundigen Skipper stellten für uns einen großen Rund-Törn zusammen, der vom Motor-freien Naturschutzgebiet bis zu Touristen-Hochburgen reichte. Unter anderem sahen wir auch die bekannte Pferdezucht in Popielno. Es war ein reizvoller Törn über große und kleine Seen, durch Kanäle und Schleusen, bei hochsommerlichen Tepmperaturen und rassigen Gewitterstürmen. Die Masuren entwickeln sich immer mehr zu einem beliebten Segelsport-Revier, vor allem für das junge Polen. Im Hochsommer sollte man dort nicht unbedingt Einsamkeit und Ruhe suchen, sondern das lockere, urwüchsige Segeln genießen.

Verschiedenes

Für Regatta-Interessenten stellt sich Peter Münter, selbst hochgradig sehbehinderter passionierter Regatta-Segler, als Ansprechpartner zur Verfügung. Er kann Auskunft geben über die Regatta-Veranstaltungen und die Trainings-Kurse in Berlin. Alle Freaks bitte an ihn wenden!

Segeln auf den brandenburgischen Seen in und um Berlin könnte Ralf Preß vom Versehrtenwassersportverein Berlin aus organisieren. Durch Kanäle und Schleusen kann man ein sehr großes, reizvolles Revier absegeln und auch mal in Berlin Mitte anlegen.

Die Konzeption der Schiffer-Gilde lag immer zwischen seemännischem Segelkurs, Erlebnispädagigk und therapeutischem Segeln, erhob aber nie den Anspruch, sich auf einen dieser Charakterzüge professionell festzulegen. Die Schiffer-Gilde will sich auf keine spezielle Zielgruppe von Behinderten oder Nichtbehinderten einengen. Oberstes Ziel war stets die handfeste, gelebte Mitmenschlichkeit zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Die Athmosphäre lebt letztlich vom Engagement jedes einzelnen Freizeitteilnehmers und vom Engagement der Bootsführer und Betreuer. Und von der "bewährten Mischung" 1/4 Sehbehinderte und Blinde, 1/4 anderweitig Körperbehinderte, 1/4 Nichtbehinderte und 1/4 Bootsführer. Auch wenn wir diese Ideal-Mischung meist nicht erreichen, gilt trotzdem: Der Mix macht's und die familiäre Athmosphäre.

Ein Wort an unsere Förderer!

Sie alle, liebe Förderer, wissen es längst: Schenken macht nicht ärmer, sondern reicher. Das haben nun auch amerikanische Wissenschaftler festgestellt: Menschen, die sich sozial aktiv für andere einsetzen, leben glücklicher und leben länger! Menschlichkeit macht ausgeglichener und gesünder. Davon abgesehen ist für viele von Ihnen das Spenden eine der wenigen Möglichkeiten, in unserer Gesellschaft bestimmte Bewegungen zu unterstützen und damit die Richtung ihrer Entwicklung mitzugestalten. Jede Spende an eine Selbsthilfevereinigung wie die Schiffer-Gilde ist ein "Stimmkreuz" für eigenverantwortliches Engagement, für eine menschenfreundliche Gesellschaft "von unten her" oder "von innen heraus". Das positive Echo, das wir auch in diesem Sommer wieder von so vielen behinderten wie nichtbehinderten Teilnehmern aller Altersgruppen bekamen, geben wir gerne an Sie weiter. Das ist das Dankeschön, das eigentlich Ihnen gebührt. Jeder Freizeitteilnehmer, der ermutigt und mit neuen Erfahrungen nachhause fährt, verdankt das Ihnen und Ihrer Spende, auch wenn er Sie gar nicht kennt!

Es gibt noch eine andere Möglichkeit, für uns zu "spenden", auf die ich Sie, liebe Förderer, aufmerksam machen darf: das Bezuschussen von Freizeit-Interessenten. Vielleicht kennen Sie z.B. einen jungen, nichtbehinderten Erwachsenen, dem eine Freizeit in Bregenz etwas bringen könnte, der aber "finanzielle Hemmungen" hat. Junge Leute können heute im Zeitalter der Billigflüge mit 1000.- DM ganz schön weit herumkommen. Dem können wir entgegensetzen, daß eine Freizeit in Bregenz - oder auch im Mittelmeer - ebenso viel Erlebnismöglichkeiten bietet, die menschlich gesehen mehr bringen können als ein Trip um die ganze Welt. Und wenn ein Freizeit- oder Fahrtkostenzuschuß nachhilft, den wir Ihnen als Spende bescheinigen, dann haben Sie Ihrem jungen Freund und uns geholfen!

Nochmals vielen herzlichen Dank für Ihre Spenden! Und wenn Sie sich sicher sind, daß Ihr Geld bei uns den Zweck erfüllt, den Sie damit erreichen möchten, dann bitten wir Sie ebenso herzlich, weiterhin zu spenden, aus vollem und großzügigem Herzen! Ihr volles Herz ist uns wichtiger als die Größe der Spende. Denn jede Spende aus Überzeugung und Gebefreudigkeit, ob sie nun klein oder groß ist, motiviert uns doppelt und dreifach bei unserer Arbeit!

Auf Wiedersehen im Jahr 2000!

Liebe Mitglieder, liebe Förderer, liebe Freunde, das war der letzte Schiffer-Gilde-Bericht in diesem Jahrtausend. Aber keine Bange: nächstes Jahr geht alles wieder von vorne los! Die gute alte Schiffer-Gilde segelt unbeirrt weiter, wie Ihr dem folgenden Programm entnehmen könnt. Meldet Euch an, und Ihr habt schon mal einen sicheren Fixpunkt im Schwindel der vielen Nullen, die das neue Millenium mit sich bringt. Das neue Jahrtausend steht für uns nicht unter dem Zeichen des Wassermanns, sondern nach wie vor unter dem Zeichen des doppelten integrierten Steuermannes!

Mit den besten Wünschen
für Gesundheit, Glück und Zufriedenheit
grüßt Euch herzlichst

Euer Helmuth Scheel


Letzte Änderung: 16. Oktober 2017
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